Für immer auf Marokko fixiert
Die Bernerin Doris Nufer hat sich in einem Dorf bei Marrakesch den Traum eines selbst entworfenen Refugiums erfüllt




VON CLAUDIA SCHMID TEXT UND TOBIAS BÜHLER FOTOS

Das Berberdorf Akrich in den Ausläufern des Atlasgebirge liegt auf einem Hügel im Nirgendwo. Das letzte Stück der Anfahrt führt über eine Schotterpiste und vorbei an alten Lehmhäusern, vor denen alte Männer höckeln. Am Ende des Dorfes steht das Anwesen der Schweizerin Doris Nufer. Auf drei Hektaren verteilen sich um einen Innenhof mit plätschernden Brunnen Bungalows und Häuser aus Lehm.

Auch eine Dachterrasse, ein grosser Garten mit Olivenbäumen, Kakteen, Rosen, Gemüse sowie ein Gehege mit Eseln und Hühnern gehören zum Paradies. Gerade geht filmreif die Sonne unter, Vögel stimmen ihr Konzert an. Doris Nufer erscheint in einem weissen Kleid und mit ihrer fünfköpfigen Hunde-Entourage, so, als hätte sie auf ihren Auftritt gewartet. «Ich höre hier nie Musik, weil die Vögel so schön singen», sagt die 64-jährige Bernerin. In der Küche mit Töpfen und Geschirr, die für zwei Restaurants reichen würden, köchelt eine Poulet-Tajine. Ihr Mann Stefan stellt lokalen Wein bereit.

Ihr Heim entwarf Doris Nufer selber «auf Hüselipapier»
Doris Nufer («man nennt mich hier ‹Madame Doris›»), ein Freigeist, mit dem man gerne die Hippie- Zeit verbracht hätte, ist eine Profigastgeberin. Seit neun Jahren betreibt sie in Akrich ein Gästehaus, wo sie auch wohnt. Sie steht auch mal um sechs Uhr auf, um Gästen, die bei Sonnenaufgang in die nahe Wüste reisen wollen oder nach Marrakesch aufbrechen, einen Espresso zu servieren. Stets reisen Besucher an und ab, und jeden Morgen zaubert sie ein Frühstücksbuffet und abends Spezialitäten auf den Tisch, etwa die Spaghetti mit geräucherter Atlasforelle, Ruccola und Granatäpfeln. Diese kocht sie speziell für Leute, die bereits Tage durch Marokko gereist sind «und Couscous nicht mehr sehen können».

Und wenn die leidenschaftliche Köchin endlich am Tisch sitzt, wird sie zur Geschichtenerzählerin. So erzählt sie die Anekdote, wie sie vor bald zehn Jahren Hühnerhaut bekam, als sie erstmals dieses Stück Land sah. «Ich wusste: Dies ist mein Platz.» Doris, die schon als junge Frau regelmässig durch Marokko reiste, kaufte das Land in Akrich, zeichnete ihr Heim auf «Hüselipapier» und setzte den Plan bis ins letzte Detail um. Dabei haben ihr 36 Handwerker aus dem Dorf geholfen.

Wechselreiches Leben
Die gebürtige Bernerin Doris Nufer kam mit 20 Jahren nach Basel und arbeitete dort 20 Jahre als Arzthelferin im Kinderspital. Durch ihren damaligen Freund, einen Fotografen, wurde sie Food- Stylistin und war unter anderem für die damaligen Kochbücher von Coop verantwortlich. 2004 wanderte sie nach Marokko aus und errichtete 20 Kilometer von Marrakesch entfernt ein stilvoll eingerichtetes Gästehaus für zehn Personen. Seither lebt sie mit Ehemann Stefan, der teilweise in Südspanien wohnt, und den fünf Hunden in Akrich. Doris' Haus wird gerne von Kreativen aufgesucht; hier wurden schon Filme gedreht, Romane geschrieben und Kochbücher produziert. www.akrich.com

«Es ist schon eine Leistung, dass ich das geschafft habe. Ich musste mich ja alleine in einer muslimischen Männergesellschaft behaupten », sagt Doris, die ihren Mann damals noch nicht kannte. Nach dem Bau hatte die ehemalige Foodstylistin alles in schlichtem Marokko-Stil eingerichtet. Dazu gehören Berberteppiche, runde Tische aus Bronze, Poufs, Holz- und Korbmöbel. Wände und Böden sind weiss, auch die Bett wäsche. Überall stehen frische Rosen.

Doch so schön wie es hier auch ist – wie um Himmels willen kann sich die Hausherrin abgrenzen? «Ich habe nicht jeden Tag Leute hier. Und ich habe meinen Rückzugsort. » Ihr eigenes Haus steht am Rande des Geländes. Es entpuppt sich als grosszügige Loft mit TV-Zimmer, Schlafzimmer und Wohnraum inklusive Kaffeemaschine und Hausbar, «damit ich nicht in die Küche rennen muss, wenn ich in Ruhe etwas trinken will». An den Wänden hängen Schwarzweissfotos mit afrikanischen Schönheiten. Im dunklen Steinboden glitzern grüne Glasstückchen. «Das sind alte Weinflaschen, die ich selbst zerschlagen habe, damit der Boden eine weitere Farbnote bekommt.»

Gerne sitzt Doris morgens auf der Terrasse vor dem Schlafzimmer und schaut auf den Atlas. Man versteht, dass sie für immer bleiben will. «Lieber lasse ich mich als alte Frau in einem Rollstuhl ‹umechärele›, als dass ich in die Schweiz zurückkehre. In Marokko ehrt man alte Leute.» Zudem sei das Wetter im Winter so mild, dass man draussen nur einen Pullover brauche. «Mein Gästehaus steht für alle bereit, die der Kälte entkommen wollen.»

 

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